Was ist eine Krise? Krise ist ein Begriff, der sich allgemein auf eine Störung bezieht und in der Wirtschaft ist das nicht anders. Wirtschaftskrisen sind Momente, in denen die ökonomischen Faktoren aus den unterschiedlichsten Gründen instabil geworden sind.
Die häufigsten Indikatoren für eine Krise sind sogenannte wirtschaftliche Ungleichgewichte. Sie äußern sich zum Beispiel in steigender Arbeitslosigkeit, Inflation, unausgelasteten Unternehmen und Armut. Krisen können als ein natürliches Moment im Wirtschaftszyklus auftreten oder sie können die Folge spezifischer Schocks sein, wie wir sie in den letzten Jahrzehnten vor allem als Produkt der globalisierten Wirtschaft erlebt haben.
Was ist der Unterschied zwischen einer Krise und einer Rezession?
Die kapitalistische Dynamik wird als ein zyklischer Prozess von Schwankungen beschrieben, wobei unterschiedliche Faktoren in unterschiedlichem Ausmaß schwanken können. Es ist normal, dass Phasen der Expansion und des beschleunigten Wachstums auf Phasen der Depression und Stagnation folgen, wie in Abbildung 1 dargestellt.
Ein Konjunkturzyklus ist der Zeitraum, in dem auf eine Expansion des Wirtschaftswachstums eine Krise der Wachstumsrate folgt, die dann in eine Rezession übergeht, die schließlich die Talsohle oder Depression erreicht, von der aus die wirtschaftliche Expansion wieder beginnt. 1
Eine Rezession ist die Phase der Verlangsamung der Wirtschaftstätigkeit, in der der Konsum abnimmt, was zu einem Rückgang der Produktion, des Realeinkommens und der Beschäftigung führt. Diese rezessive Phase kann sich mehr oder weniger lange hinziehen. Im Falle eines längeren Zeitraums wird dann gewöhnlich von einer Depression gesprochen.
Das Schaubild zeigt, was auch Lehrbüchern häufig vermitteln: die Krise als eine Störung, die den Trend der Expansionsphase bricht. Dagegen denken wir in unserem Alltagsverständnis beim Begriff Krise eher an die Phase der Depression.
In der Depression erreicht die Rezession ihren Tiefpunkt, oder anders gesagt, eine Depression liegt vor, wenn die Rezession über einen längeren Zeitraum anhält und sich verschärft. Auf eine Talsohle folgt zwangsläufig irgendwann eine Phase des Aufschwungs, in der sich die wirtschaftlichen Faktoren wieder erholen. Wenn Ungleichgewichte in einer Volkswirtschaft zu einer Krise führen, gilt es die Situation umzukehren und das Gleichgewicht wiederherzustellen. Die gewählte Strategie und wer von ihr profitiert, hängt von politischen Entscheidungen ab – das ist es was wir in diesem Artikel zeigen wollen.
Wirtschaftswissenschaftler:innen und politische Entscheidungsträger:innen müssen also die Frage beantworten, wie der nächste Aufschwung am besten herbeizuführen ist. Und wie man sich leicht vorstellen kann, stimmen ihre Handlungsanweisungen nicht unbedingt überein. Jede Schule der Wirtschaftstheorie formuliert unterschiedliche Hypothesen und damit auch unterschiedliche Schlussfolgerungen und praktische Empfehlungen. Um die unterschiedlichen Positionen zu verstehen, werden die beiden grundlegenden Referenzmodelle der Wirtschaftswissenschaften vorgestellt: die neoklassische Schule einerseits und die keynesianische Analyse andererseits.
2. DIE THEORIE: ZWEI GEGENSÄTZLICHE MODELLE
Alle volkswirtschaftlichen Zusammenhänge haben eine quantitative Dimension, daher gilt es zunächst die entsprechenden Zahlen genau zu erfassen, um steuernd eingreifen zu können. Die unterschiedlichen Wirtschaftstheorien schlagen politische Reaktionen vor, die aber Diskrepanzen aufweisen, wie wir nun aufzeigen werden.
Das neoklassische Modell
Das neoklassische Modell geht davon aus, dass es zu jedem Zeitpunkt eine bestimmte Produktionskapazität gibt, die als gesamtwirtschaftliches Angebot (oder auch aggregiertes Angebot) bezeichnet wird. Es ergibt sich unter anderem aus der Anzahl der Fabriken, Maschinen und der technischen Ausstattung (dem Sachkapital) sowie den Arbeitskräften (dem Humankapital). Außerdem setzt das Modell voraus, dass die Preise stets flexibel sind. Diese Flexibilität macht es möglich, dass Angebot und Nachfrage die Wirtschaft immer wieder in einen Gleichgewichtszustand zurückführen, was auch Vollbeschäftigung bedeutet. Bei einem Überangebot einer Ressource – zum
1 Die Idee der Wirtschaftskrise als Phase eines Zyklus ist nicht die einzige Art Krisen zu verstehen, sondern nur eine mögliche Betrachtungsweise. Im Allgemeinen wird die Krise innerhalb verschiedener Themenblöcke analysiert, wie zum Beispiel Wachstum und Wirtschaftszyklen, Makroökonomie, aktuelle Krisen und/oder Interventionen des öffentlichen Sektors.
Beispiel Arbeit – würde deren Preis fallen, die Löhne würden also sinken. Dadurch würde dann die Nachfrage nach Arbeit wieder steigen, wodurch die bestehende Arbeitslosigkeit automatisch korrigiert würde.
Der Kerngedanke dieses so genannten liberalen Modells ist, dass es zum Erreichen eines Gleichgewichts mit Vollbeschäftigung genügt, die Preise völlig flexibel zu gestalten und die Märkte frei funktionieren zu lassen. Externe Eingriffe jeder Art wären nutzlos, um Ungleichgewichte zu korrigieren, da sich Ungleichgewichte aufgrund der Freiheit der Märkte und der Flexibilität der Preise von selbst auflösen würden. Nach diesem Modell führen Eingriffe nur zu wirtschaftlichen Ineffizienzen, entweder in Form von Preissteigerungen (Inflation) oder durch eine Verlagerung der individuellen Ausgaben. Letzteres wäre der Fall, wenn rationale private Akteure schon heute lieber sparen als konsumieren, da sie sich des steigenden Defizits des Staates bewusst sind und daher mit zukünftigen Steuererhöhungen rechnen.
Das keynesianische Modell
Die Grundannahmen des keynesianischen Modells vermitteln eine andere Vorstellung von der Funktionsweise der Wirtschaft und führen zu ganz anderen Schlussfolgerungen. Der Hauptunterschied besteht darin, dass für Keynes die Preise eher starr sind, sie also nicht flexibel auf Veränderungen der Nachfrage reagieren. Insbesondere die Löhne sind Keynes zufolge unflexibel, da Arbeitnehmer:innen in der Regel nicht bereit sind, niedrigere Löhne zu akzeptieren als sie bereits erhalten.
Bei einem Produktionsniveau, das nicht für Vollbeschäftigung ausreicht, ist die Nachfrage nach Arbeitskräften geringer als das Angebot. Vollbeschäftigung könnte aber erreicht werden, indem die gesamtwirtschaftlichen Nachfrage erhöht wird, so dass wieder mehr Arbeitsstellen entstehen. Wenn die Wirtschaft unterhalb der Vollbeschäftigung liegt, wären nach diesem Modell staatliche Eingriffe zur Steigerung der Nachfrage nützlich und notwendig, um die Produktion zu erhöhen. Erst wenn die Wirtschaft ihr Vollbeschäftigungsniveau erreicht hat, würde jede weitere nachfragesteigernde Intervention einen Preisanstieg bewirken.
