Ökonomische Strategien zur Bewältigung von Krisen: Austerität oder staatliche Investitionen?
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Überblick
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Hintergrundinformationen9 Themen
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Einführung
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Krisen-Instrumente: Fiskal- und Geldpolitik
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Welche Vorschläge und welche politischen Instrumente enthalten die beiden Modelle bei wirtschaftlichen Ungleichgewichten?
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Folgen der einzelnen wirtschaftspolitischen Entscheidungen
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Die Große Depression und das keynesianische Modell
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Die Ölkrise und das Ende des Wohlfahrtsstaates
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Das neoliberale Modell und die Finanzkrise 2008
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Die konservative Antwort: Austerität
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Die antizyklische Reaktion: wie staatliche Investitionen aussehen könnten
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Einführung
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Endnoten
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Glossar
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Quellen und Verweise
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Weiterlernen - interaktivVertiefen Sie Ihr Wissen1 Test
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TrainingsmaterialÜbungen für Gruppen6 Themen
Überblick
Was ist eine Krise? Der Begriff Krise beschreibt ganz allgemein eine schwere Störung, so auch in der Ökonomie. Wirtschaftskrisen sind Momente, in denen die ökonomischen Faktoren aus den unterschiedlichsten Gründen instabil werden.
Woran erkennt man eine Krise? Die häufigsten Anzeichen für eine Krise sind sogenannte wirtschaftliche Ungleichgewichte. Sie äußern sich in steigender Arbeitslosigkeit, Inflation, unausgelasteten Unternehmen, Armut und ähnlichem. Krisen können als ein natürliches Moment im Wirtschaftszyklus auftreten oder sie können die Folge spezifischer Schocks sein, wie sie in den letzten Jahrzehnten meist als Produkt der globalisierten Wirtschaftsdynamik aufgetreten sind.
Wie kann man eine Wirtschaftskrise bewältigen?
Wenn die Ungleichgewichte in einer Volkswirtschaft zu einer Krise führen, liegt es in der Verantwortung der Politik, das Wirtschaftswachstum des Landes zu stabilisieren. Wirtschaftswissenschaftler:innen und politische Entscheidungsträger:innen müssen die Frage beantworten, wie dies am besten zu bewerkstelligen ist. Und wie man sich leicht vorstellen kann, stimmen ihre Handlungsanweisungen nicht unbedingt überein. Jede Schule der Wirtschaftstheorie formuliert unterschiedliche Hypothesen und damit auch unterschiedliche Schlussfolgerungen und praktische Empfehlungen.
Die beiden allgemeinen Referenzmodelle der Wirtschaftswissenschaften sind die neoklassische Schule auf der einen Seite und die keynesianische auf der anderen. Die beiden Modelle empfehlen bei Krisen unterschiedliche Politiken, da sie von unterschiedlichen Annahmen über die Funktionsweise der Wirtschaft ausgehen.
Die Wirtschaftspolitik der neoklassischen Schule lehnt es ab, auf die Erhöhung der öffentlichen Ausgaben zu setzen – oder, in ökonomischen Begriffen, auf “die Stimulierung der aggregierten Nachfrage, die hauptsächlich durch die Fiskalpolitik gesteuert wird”. Das liegt daran, dass diese
Schule glaubt, dass öffentliche Ausgaben zu Preissteigerungen führen müssen. Denn sie geht davon aus, dass sich die Wirtschaft immer im Zustand der Vollbeschäftigung befindet – weswegen das
Angebot nicht mit der Nachfrage mitsteigen kann. Nach der neoklassischen Theorie werden Ungleichgewichte stattdessen durch die Flexibilität der Preise und durch Marktmechanismen automatisch ausgeglichen.
Im Gegensatz dazu ist für die Keynesianer:innnen die staatliche Ausgabepolitik das wichtigste Instrument, um in die Wirtschaft einzugreifen. Denn staatliche Investitionen beeinflussen als antizyklische Maßnahme direkt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage (auch aggregierte Nachfrage genannt). Die Staatsausgaben können zum Beispiel erhöht werden durch die Gewährung von staatlichen Zahlungen oder auch durch Steuersenkungen. Beides führt zu einem Anstieg des Einkommens der Menschen und damit verlässlich zu einem Anstieg des Konsums. Dadurch werden wiederum positive Zukunftserwartungen ausgelöst, die einen weiteren Anstieg der Investitionen bewirken. Diese Kettenreaktionen führen am Ende zu einer stärkeren Steigerung von Einkommen und Bruttoinlandsprodukt (BIP), als die öffentlichen Ausgaben selbst ursprünglich bewirkt haben. Diese Vervielfältigung der Wirksamkeit von Staatsausgaben bezeichnen die Keynesianer:innen als “Multiplikatoreffekt”. Daher schlägt das keynesianische Modell eine Erhöhung der Staatsausgaben im Rahmen der Fiskalpolitik zur Erhöhung der Nachfrage vor. So sollen die notwendigen Veränderungen bewirkt werden, die eine aus dem Gleichgewicht geratene Wirtschaft benötigt.
Sind das die einzigen beiden Wirtschaftstheorien/Handlungsanweisungen?
Die Wirtschaftswissenschaft verfügt nicht über einen homogenen und allgemein anerkannten Wissenskanon. Die Anliegen und die Antworten auf wirtschaftliche Probleme unterscheiden sich je nach Denkschule und natürlich auch je nach der Position und dem Interesse, das die Wissenschaftler:innen explizit oder implizit vertreten. Dieser Artikel nutzt als strukturierendes Prinzip die beiden oben vorgestellten Ansätze, den neoklassischen und den keynesianischen. Denn sie bilden die entgegengesetzten Punkte eines breiten Spektrums an ökonomischen Schulen, die jeweils dem einen oder anderen der beiden Ansätze näherstehen.
So ist zum Beispiel die monetaristische Schule (auch als Chicagoer Schule bekannt) eine wichtige Strömung, die das Gewicht des Staates in der Wirtschaft sowie staatliche Konjunkturpolitik als Hauptinstrument zur Behebung wirtschaftlicher Ungleichgewichte stark kritisiert. Angeführt von Milton Friedman unterstützt diese anti-interventionistische Schule die autonome Logik des Marktes und eine Wirtschaftspolitik, die Zinspolitik in den Mittelpunkt stellt. Daher ist sie im Spektrum eindeutig neben der neoklassischen Strömung angesiedelt.
Am anderen Ende des Spektrums hat die post-keynesianische Ökonomie vier Elemente aus Keynes’ ursprünglicher Analyse stärker herausgearbeitet: Einkommensverteilung, Finanzinstitutionen, Gewerkschaften und multinationale Unternehmen. Nach dieser Schule, die der keynesianischen Logik nahesteht, sollte in Krisenzeiten die staatliche Ausgabepolitik sicherstellen, dass die Nachfrage hoch genug ist um Vollbeschäftigung zu gewährleistet. Dies stimmt mit der ursprünglichen Position von Keynes überein. Der Unterschied besteht aber darin, dass die Post-Keynesianer:innen für einen wirtschaftspolitischen Mix plädieren, der Lohnpolitik mit einem robusten
Umverteilungsmechanismus kombiniert, und dass sie zusätzlich die Notwendigkeit einer Verkleinerung und Umstrukturierung des Bankensektors anerkennen.
Neben diesen beiden Schulen – und ohne die klassischen und marxistischen Wurzeln zu vergessen – vermehren sich auch alternative Strömungen, die eine andere Lesart der wirtschaftlichen Probleme fordern. Zu ihnen gehören der entwicklungsökonomische Strukturalismus, die Institutionen Ökonomik, die ökologische Ökonomik und die feministische Perspektive. All diese Richtungen
stehen, je nach Grad der Übereinstimmungen, den neoklassischen oder keynesianischen Krisenstrategien näher oder ferner. Diese unterschiedlichen Ansätze werden Gegenstand des Kapitels über Wirtschaftstheorien sein.
Warum ist es wichtig, die unterschiedlichen Reaktionen auf Wirtschaftskrisen zu verstehen?
1) Unterschiedliche Interessen verstehen. Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass diese beiden gegensätzlichen Modelle (sowie die anderen, die sich dazwischen befinden) Teil einer gesellschaftlichen Kontroverse sind, die sich nicht nur auf unterschiedliche Wirtschaftstheorien bezieht, sondern auch auf allgemeine Weltanschauungen und politische Ziele. Zwar sind weder Weltanschauungen noch politische Ziele an bestimmte wirtschaftliche Interessen geknüpft, aber sie werden direkt von den Interessen verschiedener Gruppen und deren Einflussmacht geprägt. Das bedeutet, dass der eigentliche Kampf ein Verteilungskampf ist: Wer trägt die Last der Verluste in einer Krise?
Die Auswirkungen auf verschiedene soziale Schichten können sich stark unterscheiden, je nachdem, ob die Politik zum Beispiel das Wirtschaftswachstum des Landes durch antizyklische Staatsausgaben stabilisiert, und ob sie gleichzeitig Maßnahmen zum Schutz der am stärksten betroffenen Sektoren trifft – oder ob sich die Regierungen stattdessen dafür entscheidet, die Ungleichgewichte vom Markt regeln zu lassen und bankrotte Banken und deren Gläubiger zu retten. Dies zu verstehen, ist nützlich für alle, die sich fragen, wem welche Krisenstrategien schaden oder nützen. Denn alle wirtschaftspolitischen Maßnahmen sind durch Werturteile und ideologische Annahmen bedingt und hängen letztlich ab von der Durchsetzungsfähigkeit verschiedener Interessensgruppen.
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Nick Anderson
“Was soll das heißen: du musst gerettet werden???“
2) Überblicken, welches Wissen uns fehlt. Was das Thema Wirtschaftskrisen betrifft, stützt sich das Bildungssystem auf das neoliberale Wirtschaftsparadigma, vor allem bei den verwendeten Schulbüchern. Der Markt wird als grundlegendes, sich selbst ausgleichendes System betrachtet.
In ihm streben rationale Akteure nach Gewinn- und Einkommensmaximierung. Individualistisches Verhalten und Kosten-Nutzen-Denken werden so gefördert.
Krisen werden dabei immer auf mechanische Weise erklärt, mittels von Konzepten rund um Wachstum, Wirtschaftszyklen, Makroökonomie und staatliche Intervention. Nicht erhellt werden dabei die Ursachen der Krisen oder die Berührungspunkte mit der Realität. Denn die unmittelbaren Auswirkungen der verschiedenen Krisenbewältigungsstrategien auf unser tägliches Leben werden nicht analysiert. Insbesondere wird nicht gefragt, wer jeweils profitiert und wer die Leidtragenden sind. Dieser Artikel möchte dieses Lernmuster in Frage stellen und den kritischen Blick der Lernenden darauf lenken, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, auf Wirtschaftskrisen zu reagieren.
3) Die Vergangenheit verstehen. Für das gesamte 20. Jahrhundert lässt sich eine höchst instabile Entwicklung der kapitalistischen Volkswirtschaften nachweisen. Immer wieder und mit zunehmender Häufigkeit kam es zu Wirtschaftskrisen. Die Große Depression nach dem Börsenkrach von 1929, die Ölkrise Anfang der 1970er Jahre und die Finanzkrise von 2008 sind einige Beispiele für globale Wirtschaftskrisen, wenn auch mit unterschiedlichen Auslösern (Zinsschwankungen, Veränderungen der Produktionskosten, Explosion von spekulativen Finanzblasen), wobei auch die Länge der Krisen variierte.
Seit den 1970er Jahren dominiert im Umgang mit Krisen in der Wirtschaftspolitik ein konservativer Ansatz. Das heißt, die Politik konzentrierte sich auf die Verringerung der öffentlichen Defizite, die Kürzung der öffentlichen Ausgaben, die Kontrolle der Löhne und die Abwertung der nationalen Währung. Diese Sparmaßnahmen bildeten auch die Grundlage der Austeritätspolitik, die in vielen europäischen Ländern nach der Krise von 2008 umgesetzt wurde.
Austerität bedeutet die Einstellung oder Kürzung der öffentlichen Ausgaben. Letztlich bedeutet sie den Rückzug des Staates als sozialen Akteur, der Ressourcen in die Wirtschaft einbringt. Doch diese Sparpolitik konnte weder nachhaltig Stabilität und Wohlstand garantieren noch die großen
wirtschaftlichen Probleme wie Massenarbeitslosigkeit, Ressourcenverschwendung, Armut und Ungleichheit verhindern. Es lohnt sich daher zu hinterfragen, inwieweit Austerität die richtige Strategie in einer Krise ist.
4) Die Zukunft gestalten. Dieser Artikel wurde während der außergewöhnlichen Krise geschrieben, die durch das COVID-19-Virus ausgelöst wurde. Im Zuge dieser Krise erfuhr auch die Rolle des Staates einen unerwarteten und abrupten Wandel. Die Regierungen in fast allen Ländern der Welt sehen sich pandemiebedingt konfrontiert mit schwierigen Abwägungen zwischen gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen. Viele nationale Regierungen, Regionen und Kommunen haben schnell reagiert, um die wirtschaftlichen und fiskalischen Folgen der Krise zu bewältigen und die Staaten geben deutlich mehr aus als in den Krisenjahren 2008/2009. Zwei Drittel der OECD-Länder haben beispielsweise Maßnahmen zur Unterstützung der Finanzen von Bundesländern bzw. Regionen und Kommunen ergriffen (OECD, 2020).
Während bis vor kurzem die Austeritäts-Befürworter:innen noch vor allem eine Reduzierung der öffentlichen Ausgaben forderten und die Kontrolle der Inflationsrate, stellt sich nun ein völlig anders Szenario dar. Auf allen Ebenen finden staatliche Investitionen statt zur Überwindung der COVID-19-Krise. Es ist noch zu früh ist, um zu überblicken, wie diese Krise letztlich bewältigt werden wird und ob die verstärkte Präsenz des Staates als Investor in der Wirtschaft von Dauer
ist. Aber es ist jetzt schon ermutigend zu sehen, wie in einigen Ländern das Ziel der wirtschaftlichen Erholung mit sozialen und das Klima betreffenden Zielen verbunden wird.
